Alte Gewohnheiten…
Alte Gewohnheiten, neu aufgelegt
Ich hatte eine gute Idee.
Dachte ich.
Ich könnte doch einfach mal wieder etwas in mein Leben zurückholen, das ich früher sehr geliebt habe.
Ganz einfach.
Eine alte Gewohnheit aus der Versenkung ziehen, ein bisschen abstauben und dann … go for it.
Klingt gut.
War es aber irgendwie nicht.
Zumindest … noch nicht?
Denn zwischen „Das habe ich früher geliebt“ und „Das passt heute noch zu mir“ liegt manchmal erstaunlich viel Leben.
Und genau dieses Leben sitzt dann plötzlich mit am Tisch.
Bei mir hatte es Kaffee.
Da ist dieses kleine Café, in dem ich früher über viele Jahre ziemlich selbstverständlich ein- und ausgegangen bin.
Ich kannte den Besitzer.
Wir haben uns gut verstanden.
Wir haben geredet, gelacht, uns über Gott und die Welt unterhalten.
Ich habe dort sogar einmal einen runden Geburtstag gefeiert.
Es war vertraut.
Ein Ort, an dem ich einfach Ich war.
Dann wurde ich irgendwann seltener.
Nicht aus einem bestimmten Grund.
Das Leben kam dazwischen.
Andere Gewohnheiten.
Andere Menschen.
Andere Dinge, die gerade Priorität hatten.
Und irgendwann war dieses Café einfach kein Teil meines Alltags mehr.
Und ich war kein Teil mehr vom Alltag dieses Cafés.
Freunde machen das ganz selbstverständlich
Freunde von mir machen das ganz selbstverständlich.
Sie treffen sich dort regelmäßig, trinken Kaffee, reden und starten einfach in den Tag.
Und wenn ich sie dort so sitzen sehe, denke ich jedes Mal:
Eigentlich ist das doch schön.
Genau das habe ich früher auch gemacht.
Sehr oft.
Und irgendwann kam mir der Gedanke:
Warum eigentlich nicht wieder?
Vielleicht könnte ich diese alte Gewohnheit einfach ein bisschen zurückholen.
Nicht mein altes Leben.
Nur dieses kleine Stückchen davon.
Also bin ich hingegangen.
Und dann saß ich da.
Und plötzlich war ich unsicher
Das Merkwürdige war nicht, dass sich etwas verändert hatte.
Das Merkwürdige war, wie ich mich verändert hatte.
Plötzlich war ich unsicher. Ein ganz seltsames Gefühl.
Ich wusste auf einmal nicht mehr so richtig, wie ich mich dort verhalten sollte.
Ob ich mich einfach so ganz allein hinsetzen konnte.
Ob ich willkommen war.
Ob ich stören würde.
Ob ich überhaupt noch so selbstverständlich dazugehöre wie früher.
Und das Verrückte daran:
Früher hatte ich darüber keinen einzigen Gedanken verschwendet.
Ich war einfach hingegangen.
Ich kannte meinen Platz.
Ich wusste, dass ich dort sein durfte.
Jetzt saß ich da und nahm plötzlich Dinge wahr, die ich früher vermutlich nicht einmal bemerkt hätte.
Ein fehlendes Lächeln.
Weniger Worte.
Eine andere Stimmung.
Vielleicht war sie tatsächlich anders.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht war ich einfach empfindlicher geworden.
Und genau das machte mich unsicher.
Ich hatte sogar kurz den Gedanken, einfach zu fragen, ob alles in Ordnung sei.
Habe es aber nicht getan.
Warum eigentlich nicht?
Auch darüber musste ich später nachdenken.
Die Erinnerung hat da so ihre eigene Version
Und plötzlich wurde aus dieser ziemlich banalen Tasse Kaffee eine kleine Lebenslektion.
Denn vielleicht passiert genau das, wenn wir etwas aus unserem früheren Leben wieder hervorholen.
Wir erinnern uns an das Gefühl.
Nicht unbedingt an die Realität.
Wir erinnern uns an Vertrautheit.
An Leichtigkeit.
An das Gefühl, irgendwo einfach selbstverständlich zu sein.
Und dann gehen wir zurück.
Und stellen fest:
Ich bin gar nicht mehr dieselbe.
Und vielleicht ist der Ort es auch nicht.
Aber vielleicht muss das gar nichts Schlechtes sein.
Wir können nicht einfach weitermachen wie früher
Ich glaube, das ist das Verrückte an alten Gewohnheiten.
Ich will gar nicht zurück. Wie auch?
Ich will nur manchmal etwas wiederhaben, das sich einmal gut angefühlt hat.
Aber ich kann nicht einfach an der alten Stelle weitermachen, als wären die vergangenen Jahre nicht passiert.
Ich bin inzwischen jemand anderes.
Mit anderen Erfahrungen.
Anderen Bedürfnissen.
Anderen Unsicherheiten.
Und vielleicht sogar mit einer anderen Vorstellung davon, was sich für mich gut anfühlt.
Der Kaffee ist vielleicht derselbe.
Der Ort vielleicht auch.
Aber ich bin nicht mehr die Frau, die dort vor vielen Jahren so selbstverständlich gesessen hat.
Vielleicht müssen alte Gewohnheiten neu aufgelegt werden
Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, etwas wieder genauso zu machen wie früher.
Vielleicht geht es darum herauszufinden:
Passt das heute überhaupt noch zu mir?
Und wenn ja:
Wie?
Vielleicht muss ich erst wieder ein bisschen Vertrauen entwickeln.
Vielleicht muss ich den Ort neu kennenlernen.
Vielleicht muss ich aufhören, ständig zu vergleichen, wie es früher war.
Und vielleicht darf ich auch akzeptieren, dass ich heute manchmal unsicher bin, wo ich früher ganz selbstverständlich war.
Das gefällt mir nicht besonders.
Aber es ist nun einmal so.
Und vielleicht ist auch das ein Teil davon, älter zu werden:
Nicht nur sicherer zu wissen, wer man ist.
Sondern manchmal auch zu merken, dass man an bestimmten Stellen wieder neu herausfinden muss, wo man hingehört.
Nicht alles muss zurückkommen
Ich glaube, das ist überhaupt etwas, das ich mit zunehmendem Alter immer spannender finde.
Nicht alles, was einmal schön war, muss zurück.
Und nicht alles, was verschwunden ist, muss wiedergefunden werden.
Manches darf einfach eine schöne Erinnerung bleiben.
Und manches darf wieder auftauchen und bekommt eine zweite Chance.
Aber eben nicht als Kopie.
Sondern als etwas Neues.
Vielleicht ist das sogar die schönste Art, mit der eigenen Vergangenheit umzugehen.
Nicht ständig zurückzuschauen und zu denken:
Ach, früher …
Sondern gelegentlich etwas von früher mitzunehmen und zu fragen:
Was davon gehört eigentlich noch zu mir?
Und vielleicht braucht es einfach ein bisschen Zeit
Ich muss zugeben: Ein bisschen hat mich das aus der Bahn geworfen.
Da hatte ich mir vorgenommen, eine alte, liebgewonnene Gewohnheit wieder in mein Leben zu holen.
Und kaum mache ich es, sitzt da plötzlich nicht die gemütliche alte Vertrautheit, die ich erwartet hatte.
Sondern ich.
Mit meinem Kaffee.
Und einer ganzen Menge Gedanken.
Vielleicht muss ich mich erst wieder daran gewöhnen.
Vielleicht muss ich ein paarmal hingehen, ohne etwas Bestimmtes zu erwarten.
Vielleicht muss ich herausfinden, ob ich diesen Ort heute noch genauso mag – oder ob ich ihn einfach anders mögen werde.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Nicht zurück.
Sondern wieder hin.
Aber eben als die, die ich heute bin.
Ich probiere es noch einmal
Deshalb werde ich wahrscheinlich wieder hingehen.
Nicht, um die letzten Jahre zurückzudrehen.
Nicht, um etwas zu erzwingen.
Und auch nicht, um aus einer alten Gewohnheit unbedingt wieder eine neue machen zu müssen.
Sondern einfach, um zu sehen, was daraus heute werden kann.
Vielleicht fühlt es sich beim nächsten Mal schon anders an.
Vielleicht brauche ich ein bisschen Zeit.
Vielleicht mehrere Anläufe.
Und vielleicht stelle ich irgendwann fest, dass diese alte Gewohnheit tatsächlich keinen Platz mehr in meinem heutigen Leben hat.
Auch das wäre keine Niederlage.
Denn vielleicht sind alte Gewohnheiten gar keine Dinge, zu denen wir zurückkehren müssen.
Vielleicht sind sie einfach kleine Einladungen.
Wir dürfen sie noch einmal ausprobieren.
Anprobieren.
Schauen, ob sie uns noch passen.
Und wenn nicht?
Dann hängen wir sie eben wieder zurück.
Oder wir machen etwas ganz Neues daraus.
Auch das ist Leben.
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