Die Weisheit einer 15-jährigen Katze
Einfach da
Meine Katze Emma ist fünfzehn Jahre alt.
Sie hat in ihrem ganzen Leben noch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, ob sie genug ist.
Sie wacht morgens nicht auf und fragt sich, ob sie heute besonders freundlich, besonders liebenswert oder besonders nützlich sein sollte.
Sie kennt keine Selbstoptimierung.
Und sie wäre niemals auf die Idee gekommen, sich ihre Daseinsberechtigung verdienen zu müssen.
Wenn sie Nähe möchte, kommt sie.
Wenn sie ihre Ruhe möchte, geht sie.
Wenn sie Hunger hat, hält sie keinen Vortrag darüber, warum sie jetzt wirklich etwas zu fressen verdient hätte.
Sie schaut mich an. Nein, sorry, sie starrt mich an.
Und denkt vermutlich:
„Es wäre jetzt Zeit für mein Essen. Los dann… steh auf!“
Mehr nicht.
Kein schlechtes Gewissen.
Keine Rechtfertigung.
Keine Angst, dass sie heute vielleicht nicht genug Katze gewesen sein könnte.
Manchmal beneide ich sie darum.
Nicht, weil ich eine Katze sein möchte.
Sondern weil ich mich frage, an welchem Punkt wir Menschen anfangen zu glauben, wir müssten uns unser Dasein verdienen.
Wo haben wir das gelernt?
Vielleicht beginnt es ganz unbemerkt.
Wir werden gelobt, wenn wir helfen.
Bewundert, wenn wir stark sind.
Geschätzt, wenn wir funktionieren.
Wir übernehmen Verantwortung.
Wir kümmern uns.
Wir springen ein.
Und irgendwann passiert etwas Merkwürdiges.
Aus dem schönen Wunsch, für andere da zu sein, wird ganz langsam eine Bedingung.
Nicht für die anderen.
Für uns selbst.
Die eigentliche Frage
Plötzlich steht da eine Frage im Raum, die wir fast nie laut aussprechen.
Und die doch viele von uns kennen.
Darf ich bleiben, wenn ich gerade nichts Besonderes zu geben habe?
Allein dieser Satz tut weh.
Vielleicht, weil wir seine Antwort so sehr fürchten.
Vielleicht, weil wir sie längst zu kennen glauben.
Dabei gibt es keinen Menschen, der immer stark, hilfreich, klug oder großzügig sein kann.
Und trotzdem verhalten wir uns manchmal so, als hinge genau davon unsere Zugehörigkeit ab.
Als müssten wir sie uns immer wieder neu verdienen.
Wenn Zuverlässigkeit zur Last wird
Ich merke das besonders dann, wenn ich Menschen enttäuschen könnte.
Nicht, weil ich sie enttäuschen möchte.
Sondern weil ich etwas nicht schaffe.
Weil meine Kraft gerade nicht reicht.
Oder weil ich selbst etwas brauche.
Dann beginnt in mir sofort das Rechnen.
Wie bekomme ich trotzdem alles hin?
Wie kann ich es möglich machen?
Wen darf ich bloß nicht enttäuschen?
Ich werde dann unglaublich erfinderisch.
Nicht, weil ich besonders stark bin.
Sondern weil sich etwas in mir sträubt, andere zu enttäuschen.
Es ist, als würde ich in solchen Momenten vergessen, dass auch ich Grenzen habe.
Dann versuche ich, alles möglich zu machen.
Nicht aus Liebe.
Liebe hätte Platz für Ehrlichkeit.
Sondern aus dem alten Gefühl heraus, meinen Platz erst rechtfertigen zu müssen.
Von außen sieht das nach Zuverlässigkeit aus.
Von innen fühlt es sich manchmal eher an, als würde ich um etwas kämpfen, das in einer guten Beziehung niemals auf dem Spiel stehen sollte.
Emma kennt dieses Spiel nicht
Emma sitzt manchmal einfach mitten im Raum.
Sie tut … nichts.
Gar nichts.
Sie liegt in einem Sonnenstrahl, blinzelt in den Tag und ist vollkommen zufrieden.

Sie muss niemanden beeindrucken.
Sie muss nichts leisten.
Sie muss sich ihren Platz nicht verdienen.
Und trotzdem würde niemand von uns auf die Idee kommen, sie gehöre nicht dazu.
Ich frage mich manchmal, wer von uns beiden die Klügere ist.
Vielleicht besteht Weisheit gar nicht darin, immer mehr zu wissen.
Vielleicht besteht sie darin, immer weniger gegen das eigene Wesen zu kämpfen.
Was wäre eigentlich, wenn …
… Zugehörigkeit gar nichts wäre, das wir uns verdienen müssen?
Sondern etwas, das in einer guten Beziehung niemals zur Verhandlung steht.
Allein dieser Gedanke verändert etwas in mir.
Er ist noch nicht vollständig angekommen.
Aber er klopft an.
Und vielleicht reicht das für heute.
Meine kleine Lehrerin
Während ich das schreibe, liegt Emma hinter mir.
Sie schnarcht leise.
Sie macht nichts Besonderes.
Sie löst keine Probleme.
Sie beeindruckt niemanden.
Und trotzdem würde für keinen von uns auch nur eine Sekunde die Frage im Raum stehen, ob sie dazugehören darf.
Vielleicht ist genau das die Lektion.
Nicht die einer weisen Katze.
Sondern eine über uns.
Vielleicht beginnt ein gutes Leben in dem Moment, in dem wir aufhören, uns unseren Platz verdienen zu wollen.
Und anfangen zu glauben, dass wir bleiben dürfen.
Einfach, weil wir da sind.

Nicht der Small Talk macht mich müde.
Das könnte dich auch interessieren
#take a deep breath
7. April 2020
Da geht noch was…
30. April 2020