Ein kleines Kreuz. Eine große Sache.
Ein kleines Kreuz. Eine große Sache.
Demokratie kann leise verloren gehen, während wir es gar nicht richtig mitbekommen.
Dieser Gedanke gefällt mir überhaupt nicht.
Aber ich werde ihn gerade nicht mehr los.
Denn wenn ich mich so umschaue, frage ich mich, ob wir eigentlich noch wirklich wertschätzen, was wir haben.
Freiheit.
Menschenwürde.
Vielfalt.
Das Recht, anders zu sein.
Das Recht, seine Meinung zu sagen.
Das Recht, eine Regierung abzuwählen.
Und vor allem:
Das Recht, gemeinsam darüber zu entscheiden, wie wir miteinander leben wollen.
Wir stehen vor Wahlen, die mir nicht egal sind.
Im Gegenteil.
Sie machen mir Sorgen.
Und deshalb möchte ich einmal über dieses kleine Kreuz auf einem Wahlzettel nachdenken.
Über seine Macht.
Und über unsere Verantwortung.
Demokratie bedeutet nicht nur: Ich darf wählen, wen ich will.
Natürlich darf ich das.
Aber ich finde, damit beginnt die Verantwortung erst.
Denn ich wähle nicht nur für mich.
Ich wähle auch für die Welt, in der ich mit anderen Menschen leben möchte.
Für Menschen, die anders denken als ich.
Anders aussehen.
Woanders geboren wurden.
Anders lieben.
An etwas anderes glauben.
Oder an überhaupt nichts.
Ich muss Menschen nicht verstehen.
Ich muss sie nicht mögen.
Ich muss nicht mit allem einverstanden sein.
Aber ich möchte in einem Land leben, in dem sie genauso frei und sicher leben können wie ich.
Und genau dafür gibt es Demokratie.
Ein Kreuz ist verdammt mächtig
Wir machen dieses Kreuz manchmal ziemlich nebenbei.
Ein paar Minuten Wahlkabine.
Kugelschreiber.
Zettel.
Fertig.
Aber in Wirklichkeit geben wir damit Macht aus der Hand.
An Menschen und Parteien.
Und deshalb möchte ich nicht nur danach entscheiden, wer mir am besten verspricht, was für mich besser wird.
Ich möchte auch wissen:
Was bedeutet diese Entscheidung für die Menschen, mit denen ich diesen Lebensraum teile?
Für die Schwächeren.
Für die, die keine laute Stimme haben.
Für Menschen, die nicht in mein eigenes Weltbild passen und trotzdem ganz selbstverständlich dazugehören.
Für die Gesellschaft, in der ich leben möchte.
Und ehrlich gesagt:
Nicht nur für die Menschen, die heute hier leben.
Auch für die, die nach uns kommen.
Denn wir sind nicht das Ende der Geschichte.
Wir hinterlassen etwas.
Unsere Entscheidungen, unsere Politik, unser Umgang mit dieser Erde wirken weiter, lange nachdem wir selbst nicht mehr da sind.
Und vielleicht lohnt sich genau hier ein kurzer Blick über das eigene Leben hinaus.
Beim Klima ist das ziemlich offensichtlich.
Aber eigentlich gilt es für viel mehr:
Für die Gesellschaft, die wir hinterlassen.
Für Freiheit.
Für Demokratie.
Für den Umgang miteinander.
Für die Frage, ob unsere Kinder und Enkel in einer offenen, freien Gesellschaft leben können – oder in einer, in der wir irgendwann sagen müssen:
Tja. War halt für uns gerade bequemer.
Das kann nicht der Maßstab sein.
Und ja, ich finde das gerade ziemlich wichtig
Denn ich habe das Gefühl, dass wir gerade an einem Punkt stehen, an dem wir sehr genau hinschauen sollten.
Nicht hysterisch.
Nicht panisch.
Aber wach. Vor allem das.
Ich möchte nicht alles glauben, nur weil jemand einen guten Spruch daraus gemacht hat oder permanent in die Kamera grinst.
Ich möchte nicht jemanden wählen, nur weil er die kollektive Wut so schön in Worte packt. Oder sollte ich sagen: die kollektive Hilflosigkeit? Denn ich glaube, die steckt ziemlich oft hinter dieser Wut.
Und ich möchte schon gar nicht meine Stimme jemandem geben, der mir verspricht, die Welt wäre wunderbar einfach, wenn nur endlich die Menschen verschwinden würden, die ihrer Meinung nach nicht hier hin gehören.
Das ist mir zu billig.
Das Leben ist kompliziert.
Politik auch.
Und Demokratie sowieso.
Platon hatte übrigens schon vor über 2.000 Jahren so seine Zweifel
Der alte Grieche war ziemlich skeptisch, was die Fähigkeit der Menschen anging, gute politische Entscheidungen zu treffen.
Und manchmal denke ich:
Verdammt, der hat sich wenigstens schon mal Gedanken gemacht.
Aber ich glaube nicht, dass die Lösung darin liegt, einigen wenigen klugen Menschen die Macht zu geben.
Ich glaube vielmehr, dass wir alle ein bisschen mehr Verantwortung dafür übernehmen müssen, was wir mit unserer eigenen Macht anfangen.
Wir müssen nicht alle zu Experten werden. Und wir sollten auch nicht so tun, als ob wir dieses große Ganze wirklich im Gesamtzusammenhang verstehen.
Aber wir können hinschauen.
Fragen.
Nachdenken.
Widersprechen.
Uns informieren.
Und vielleicht auch einmal feststellen:
„Hm. Keine Ahnung. Ich muss mich da erst schlau machen.“
Ich halte das übrigens für ziemlich klug.
Ich möchte nicht gegen jemanden wählen
Ich möchte für etwas wählen.
Für Freiheit.
Für Menschenwürde.
Für Vielfalt.
Für einen Rechtsstaat.
Für eine offene Gesellschaft.
Für das Recht, anders zu sein.
Für ein Land, in dem ich nicht erst beweisen muss, dass ich dazugehöre.
Und für eine Demokratie, in der wir uns nicht gegenseitig lieben müssen, um einander die Freiheit zu lassen.
Und auch:
Für die Menschen, die nach uns kommen.
Für eine Welt, die nicht nur für uns funktionieren soll.
Vielleicht ist das gerade das Wichtigste, was ich sagen möchte.
Wir wählen nicht nur für unser eigenes kleines Leben.
Wir wählen auch für das Leben der Menschen neben uns und um uns herum.
Für die Menschen, die nach uns kommen.
Und für das Land und die Welt, die wir miteinander teilen.
Vielleicht sollten wir uns das vor unserem nächsten Kreuzchen einfach einmal kurz bewusst machen.
Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.
Denn dieses kleine Kreuz ist klein.
Seine Wirkung ist es nicht.
Alte Gewohnheiten...
Das könnte dich auch interessieren
Was ist Deine Superkraft?
29. November 2023
Nicht jeder Idiot ist ein Narzisst
14. August 2025