IMMER mache ich Probleme
IMMER mache ich Probleme
Ähm … nein …?
Ich mache jeden Morgen Tai Chi.
Seit Jahren.
Ich könnte also behaupten, dass ich mich durchaus um meine innere Ruhe bemühe.
Tja.
Sagen wir es so: Heute Morgen war meine innere Mitte kurz verhindert. ;-))
Ich hatte es eilig, musste nur kurz tanken, die Tankstelle war voll und natürlich musste ausgerechnet in diesem Moment jemand genau an die Zapfsäule fahren, an die ich gerade wollte.
Ich habe gewunken.
Er ist ein Stück zurückgefahren.
Nur leider nicht weit genug.
Der Zapfschlauch war zu kurz und ich konnte mit meinem Auto nicht weit genug an die Säule heranfahren, weil der andere Wagen noch im Weg stand.
Also bekam ich gerade mal ein paar Tropfen Sprit in den Tank. Dann ging nichts mehr.
Ich habe mich geärgert.
Ok. Sichtlich.
Nicht meine Sternstunde.
Geschenkt.
Dann fuhr der andere Wagen endlich weg, ich bin ein Stück vorgefahren und wollte weiter tanken.
Es kam nichts.
Ich drückte den Zapfhahn.
Nichts.
Noch einmal.
Nichts.
In diesem Moment war mir überhaupt nicht klar, dass die Säule natürlich blockiert war, weil ich vorher schon ein bisschen getankt hatte.
Ich dachte schlicht:
Jetzt ist auch noch diese olle Zapfsäule kaputt.
Also bin ich in die Tankstelle gegangen.
Hinter dem Tresen stand einer von den Mitarbeitern, die ich dort seit Jahren kenne. Nicht persönlich persönlich. Aber eben so, wie man sich nach unzähligen Besuchen an einem Ort kennt.
Ich sagte ihm, dass die Zapfsäule offenbar nicht mehr funktioniert.
Und dann polterte er los.
Aus dem Nichts.
„Du machst IMMER Probleme. Mal ist Dir der Sprit zu teuer und jetzt funktioniert die Zapfsäule nicht … ist wohl blockiert, hast ja schon was reingetankt. Echt, ey …“
Danke auch.
Und ja – ich hatte tatsächlich irgendwann einmal gesagt, dass der Sprit hier ziemlich teuer ist.
Weil er das ist.
Die Tankstelle ist tatsächlich meistens ein bisschen teurer als andere in der Nähe.
Aber daraus hatte ich nun wirklich keinen persönlichen Feldzug gemacht. Ich hatte es einmal gesagt.
Mehr nicht.
Bin ja trotzdem weiter hingefahren.
Immer wieder.
Seit Jahren.
Das war’s.
Kein Dauerbeschwerdeprogramm.
Keine „Ich-muss-mich-über-alles-aufregen“-Mission.
Einfach einmal gesagt, was mir aufgefallen war.
Und plötzlich macht der daraus:
„Du machst IMMER Probleme.“
Ähm.
Bitte was?
Ich war erstmal sprachlos.
Bämm.
Das saß nämlich.
Dieser eine Satz.
Plötzlich war die Zapfsäule überhaupt nicht mehr das Problem.
Ich war das Problem.
Heute Morgen ist etwas ziemlich Seltsames passiert
Ich wurde in diesem Moment nicht einfach nur zurechtgewiesen.
Ich wurde beschämt.
Und das auch noch vor anderen Menschen.
Ehrlich? Das hat mich völlig unerwartet getroffen.
Ich stand da und fühlte mich plötzlich ganz klein.
Wie ein Kind, das etwas angestellt hat und gar nicht weiß, was eigentlich.
Und das Verrückte daran:
Ich wusste doch, dass dieser Satz nicht stimmt.
Ich kenne mich schließlich.
Ich weiß, dass ich manchmal ungeduldig bin.
Ich weiß, dass ich mich manchmal über Dinge ärgere.
Ich weiß auch, dass ich nicht immer die entspannteste Version meiner selbst bin.
Aber ich weiß genauso, dass ich kein Mensch bin, der ständig Streit sucht oder anderen das Leben schwer machen möchte.
Und trotzdem war da plötzlich diese dünne Stimme:
„Oder vielleicht doch?“
Wie schnell lassen wir uns eigentlich aus unserem eigenen Bild werfen?
Ein Mensch sagt etwas über uns.
Und plötzlich schauen wir uns selbst durch seine Augen an.
Das kann ein Satz sein.
Ein Blick.
Eine Bemerkung.
Ein Vorwurf.
Oder dieses vernichtende IMMER:
„Du bist immer …“
Immer schwierig.
Immer empfindlich.
Immer zu laut.
Immer zu viel.
Immer zu wenig.
Immer kompliziert.
Das kann ja gar nicht sein.
Niemand ist IMMER so oder so.
Und trotzdem beginnen wir, in unserem eigenen Leben nach Beweisen dafür zu suchen.
Vielleicht stimmt es ja.
Das ist doch verrückt.
Da leben wir jahrzehntelang mit uns selbst.
Wir kennen unsere Geschichte.
Unsere guten Seiten.
Unsere Macken.
Unsere Fehler.
Die Dinge, auf die wir stolz sind.
Die Dinge, für die wir uns manchmal schämen.
Wir wissen, wie wir uns verhalten, wenn es uns gut geht.
Und wie wir sind, wenn es uns schlecht geht.
Und dann kommt jemand und sieht eine einzige Szene.
Und für einen kurzen Moment glauben wir ihm mehr als uns selbst.
Heute Morgen hat mir ein fremder Mensch für einen kurzen Moment eingeredet, ich sei jemand, der ich nicht bin.
Und das Schlimme? Ich habe ihm das geglaubt.
Nicht lange.
Aber lange genug.
Und vielleicht ist genau deshalb dieser Satz bei mir so tief gelandet.
Nicht, weil dieser Mensch mich besonders gut kennt.
Sondern weil „IMMER machst Du Probleme“ kein ganz neuer Satz in meinem Leben ist.
Vielleicht kennen viele von uns solche Sätze.
Sätze, die irgendwann einmal jemand zu uns gesagt hat.
Sätze, die wir als Kinder geglaubt haben, weil wir noch gar nicht wissen konnten, dass ein Satz über uns nicht automatisch die Wahrheit über uns ist.
Und dann liegen diese alten Sätze irgendwo in uns herum.
Jahrelang.
Manchmal ganz still.
Bis irgendein fremder Mensch morgens an einer Tankstelle einen davon aus dem Regal zieht.
Und plötzlich sitzt da wieder dieses Kind.
Das Kind, das vielleicht gar nicht weiß, was es schon wieder falsch gemacht hat.
Und genau deshalb habe ich dieses alte Foto von mir für diesen Text ausgesucht.
Ich sehe dieses kleine Mädchen an und denke:
Du machst keine Probleme.
Du warst ein Kind.
Du warst laut oder leise, wild oder angepasst, neugierig, trotzig, empfindlich, fröhlich, anstrengend, wunderbar – wahrscheinlich alles davon.
Aber Du warst niemals das Urteil anderer über Dich.
Und heute bin ich erwachsen.
Heute kann ich das unterscheiden.
Auch wenn es manchmal einen Moment dauert.
Und ja: Er hat mich verletzt
Ich könnte jetzt cool schreiben:
„Der kennt mich doch gar nicht. Ist mir doch egal, was der Typ denkt.“
Klingt so schön souverän.
Ist aber nicht die ganze Wahrheit.
Natürlich hat es mich verletzt.
Ich fühlte mich bloßgestellt.
Ich fühlte mich ungerecht behandelt.
Und für einen Moment fühlte ich mich tatsächlich wie jemand, der ständig Ärger macht.
Das darf ich ruhig sagen.
Ich muss nicht sofort über dieser Situation schweben.
Ich muss sie nicht mit einem weisen Spruch zudecken.
Ich darf sagen:
Scheiße. Das hat wehgetan.
Denn manchmal tut etwas weh, obwohl wir wissen, dass es nicht wahr ist.
Beides kann gleichzeitig stimmen.
Vielleicht kennen wir das alle
Vielleicht nicht an einer Tankstelle.
Vielleicht im Büro.
In der Familie.
In einer Freundschaft.
Beim Arzt.
Im Supermarkt.
Auf der Straße.
Oder von einem Menschen, der uns eigentlich nahesteht.
Jemand sagt etwas über uns.
Und plötzlich sind wir nicht mehr ganz sicher, ob wir uns selbst richtig eingeschätzt haben.
Vielleicht kennt Ihr dieses Gefühl:
Man geht nach Hause.
Die Situation ist längst vorbei.
Und trotzdem läuft sie im Kopf immer weiter.
Hätte ich etwas sagen sollen?
War ich wirklich so?
Warum hat er das gesagt?
Wie komme ich eigentlich bei anderen Menschen an?
Und irgendwann sitzt man da und analysiert sich selbst wegen eines Satzes, den ein anderer Mensch vielleicht schon längst wieder vergessen hat.
Das ist doch irre.
Und jetzt wird es interessant
Denn natürlich war ich heute Morgen nicht völlig unschuldig an meiner Situation.
Ich war genervt.
Ich war ungeduldig.
Ich habe wahrscheinlich nicht gerade ausgestrahlt:
„Ach, wie toll, dass ich heute Morgen hier sein darf.“
😉
Na und?
Vielleicht war ich in diesem Moment tatsächlich ein bisschen anstrengend.
Das darf sein.
Ich bin ein Mensch.
Ich habe gute Tage.
Ich habe schlechte Tage.
Ich bin manchmal großzügig und manchmal kleinlich.
Manchmal geduldig und manchmal eben überhaupt nicht.
Manchmal klug.
Manchmal ziemlich dämlich.
Das alles gehört zu mir.
Aber keine einzelne dieser Eigenschaften ist meine komplette Identität.
Und genau das sollten wir uns vielleicht öfter erlauben:
Wir dürfen einen Fehler gemacht haben, ohne deshalb ein Fehler zu sein.
Wir dürfen einen schlechten Moment haben, ohne ein schlechter Mensch zu sein.
Wir dürfen jemanden nerven, ohne ein nerviger Mensch zu sein.
Und wir dürfen jemandem nicht gefallen, ohne deshalb falsch zu sein.
Manche Menschen kennen nur eine Szene von uns
Das ist vielleicht das Wichtigste, was ich heute mitnehme.
Jeder Mensch sieht nur einen Ausschnitt.
Eine Szene.
Ein paar Minuten.
Ein paar Sätze.
Manche Menschen kennen uns seit Jahren.
Manche seit fünf Minuten.
Und manche sehen uns nur durch das kleine Fenster einer Tankstelle.
Sie kennen nicht unsere Geschichte.
Nicht unsere Absichten.
Nicht unsere Gedanken.
Nicht die hundert Dinge, die wir jeden Tag für andere Menschen tun.
Nicht unsere Liebe.
Nicht unsere Verletzlichkeit.
Nicht das, was wir schon alles überstanden haben.
Sie sehen eine Szene.
Und bilden sich daraus ein Urteil.
Das dürfen sie.
Menschen dürfen sich irren.
Menschen dürfen uns falsch einschätzen.
Menschen dürfen uns sogar doof finden.
Aber:
Wir müssen ihnen nicht auch noch dabei helfen, indem wir ihr Urteil zu unserem eigenen machen.
Vielleicht sollten wir vorsichtiger sein
Nicht nur mit dem, was wir anderen über sie erzählen.
Auch mit dem, was wir über uns selbst übernehmen.
Vielleicht sollten wir viel vorsichtiger damit sein, welche Urteile anderer Menschen wir über uns selbst übernehmen.
Nicht jedes Urteil verdient einen Platz in unserem Kopf.
Nicht jede Meinung braucht eine Antwort.
Und nicht jeder Satz muss zu einer Wahrheit über uns werden.
Manchmal dürfen wir einfach sagen:
„Nein. Das ist nicht meine Geschichte.“
Und dann darf der Satz wieder dorthin zurück, wo er hergekommen ist.
Und der Typ an der Tankstelle?
Keine Ahnung.
Vielleicht findet er mich tatsächlich doof.
Vielleicht habe ich ihn irgendwann genervt.
Vielleicht hatte er selbst einen schlechten Tag.
Vielleicht hat er mich völlig falsch eingeschätzt.
Vielleicht war er einfach unfreundlich.
Alles möglich.
Und inzwischen muss ich das gar nicht mehr wissen.
Denn sein Satz darf bei ihm bleiben.
Ich nehme ihn nicht mit nach Hause.
Ich nehme stattdessen etwas anderes mit:
Ich darf mich über mich selbst ärgern.
Ich darf erkennen, wenn ich mich danebenbenommen habe.
Ich darf mich hinterfragen.
Ich darf mich entschuldigen.
Aber ich überlasse einem fremden Menschen nicht die Entscheidung darüber, wer ich bin.
Denn ich bin nicht die Frau aus dieser einen Szene.
Ich bin auch nicht die Frau aus diesem einen Satz.
Ich bin die ganze Geschichte.
Und die kenne ich ziemlich gut.
Und vielleicht ist das überhaupt die eigentliche Freiheit:
Nicht, dass uns die Meinung anderer Menschen irgendwann völlig egal wird.
Das wird sie wahrscheinlich nie.
Sondern dass wir lernen, sie dort zu lassen, wo sie hingehört.
Bei den anderen.
Und übrigens:
Ich werde wahrscheinlich wieder dort tanken.
Nicht sofort.
Aber vielleicht irgendwann.
Ich bin nämlich eine ziemlich treue Seele.
Aber vielleicht schaue ich vorher kurz auf die Preise nebenan. 😉
Alte Gewohnheiten...
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