Nicht der Small Talk macht mich müde.
Ich dachte immer, ich könne keinen Small Talk.
Lange Zeit war ich überzeugt davon. Ernsthaft.
Ich dachte, ich sei einfach nicht besonders gut darin.
Ich fühlte mich nie wohl auf diesen großen, illustren Veranstaltungen, bei denen nach jedem dritten Satz eine Pointe folgen muss.
Ich mochte diese Get-togethers nicht, bei denen jeder versucht, ein bisschen interessanter, erfolgreicher oder lustiger zu wirken, als er sich gerade fühlt – oder ist.
Und diese zufälligen Begegnungen im Supermarkt oder auf der Straße …
Man sieht sich.
Man weiß, man müsste jetzt irgendetwas sagen.
Und obwohl man sich eigentlich nur einen schönen Tag wünschen und weitergehen möchte, beginnt dieses krampfige Suchen nach einem Gesprächsthema.
Für mich fühlte sich das oft an wie ein kleines gesellschaftliches Schauspiel.
Jeder kennt seinen Text.
Jeder sagt ihn auf.
Und alle hoffen, dass möglichst niemand merkt, wie wenig gerade wirklich passiert.
Lange dachte ich deshalb, mit mir stimmt etwas nicht.
Alle anderen konnten das doch auch.
Warum fiel mir das so schwer?
Ich hielt mich für kompliziert.
Für langweilig – was mir immer irgendwie peinlich ist.
Vielleicht sogar für ein bisschen unsozial. Das ganz besonders.
Nach manchen Treffen war ich regelrecht erschöpft.
Nicht körperlich.
Sondern innerlich.
Der Gedanke, der plötzlich alles verändert hat
Bis mir vor Kurzem ein Gedanke kam, der plötzlich vieles verändert hat.
Vielleicht liegt es gar nicht am Small Talk.
Vielleicht ermüden mich gar nicht oberflächliche Themen.
Vielleicht ermüden mich Gespräche, in denen niemand wirklich anwesend ist.
Das ist etwas völlig anderes.
Das Thema ist nie das Problem
Ich kann mich problemlos zehn Minuten mit einem Menschen darüber unterhalten, warum Tomaten aus dem eigenen Garten besser schmecken als die aus dem Supermarkt.
Oder warum Hunde oft die besseren Menschenkenner sind.
Oder darüber, dass der erste Kaffee am Morgen manchmal fast ein kleines Wunder ist.
Das Thema ist völlig nebensächlich.
Was zählt, ist etwas anderes.
Ist da jemand?
Nicht nur körperlich.
Ist dieser Mensch wirklich da?
Oder spricht gerade nur seine Rolle?
Die perfekte Mutter.
Der erfolgreiche Unternehmer.
Die starke Frau.
Der Mann, der alles im Griff hat.
Die Version von uns, von der wir hoffen, dass sie gut ankommt.
Wir reden viel. Begegnen uns aber selten.
Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der unglaublich viel gesprochen wird.
Und gleichzeitig begegnen wir uns immer seltener.
Wir tauschen Informationen aus.
Meinungen.
Empfehlungen.
Empörung.
Kalendersprüche.
Aber nur selten uns selbst.
Vielleicht ist das der Grund, warum mich manche Begegnungen regelrecht auslaugen.
Nicht, weil sie anstrengend sind.
Sondern weil niemand wirklich da ist.
Ich habe mich geirrt
Und weißt Du, was das Verrückte daran ist?
Früher dachte ich, ich sei das Problem.
Ich müsste lockerer werden.
Geselliger.
Unkomplizierter.
Heute sehe ich das anders.
Ich sehne mich gar nicht nach besonders tiefen Gesprächen.
Gespräche müssen nicht philosophisch sein.
Sie müssen auch nicht das Leben verändern.
Ich sehne mich nach Echtheit.
Das ist ein großer Unterschied.
Echtheit kann in einem Gespräch über das Wetter entstehen.
Oder beim gemeinsamen Lachen über einen Hund, der gerade mit Karacho in den Fluss gesprungen ist.
Oder wenn jemand sagt:
„Heute bin ich irgendwie neben der Spur.“
Ohne Drama.
Ohne Inszenierung.
Einfach wahr.
Wenn Rollen miteinander sprechen
Was mich erschöpft, sind Gespräche, in denen Menschen reden, ohne sich zu zeigen.
Gespräche, in denen Rollen miteinander sprechen.
Oder Erwartungen.
Oder Fassaden.
Je länger solche Gespräche dauern, desto weiter entferne ich mich innerlich.
Früher habe ich das für Unhöflichkeit gehalten.
Heute glaube ich, mein Körper hat einfach früher verstanden als mein Kopf.
Er hat gespürt, was ich erst viel später begriffen habe.
Ich brauche keine perfekten Gespräche.
Ich brauche Begegnung.
Vielleicht ist genau das Nähe
Vielleicht kennen wir alle diese Menschen.
Menschen, bei denen wir nach fünf Minuten das Gefühl haben, angekommen zu sein.
Und andere, mit denen wir zwei Stunden verbringen und trotzdem niemandem begegnet sind.
Nicht jede Begegnung muss tief sein.
Aber jede Begegnung darf echt sein.
Ich glaube sogar, dass genau dort etwas beginnt, wonach wir uns alle sehnen.
Nicht nach den richtigen Worten.
Nicht nach der perfekten Geschichte.
Sondern nach einem Menschen, der für einen kleinen Moment einfach da ist.
Mit allem, was gerade da ist.
Vielleicht ist genau deshalb Stille manchmal viel verbindender als hundert Worte.
Nicht diese peinliche Stille, die sofort gefüllt werden muss.
Sondern die andere.
Die, in der niemand etwas beweisen muss.
In der niemand besonders klug, besonders witzig oder besonders erfolgreich sein muss.
Vielleicht ist das für mich die ehrlichste Form von Nähe.
Was mein Körper längst wusste
Seit ich das verstanden habe, verurteile ich mich nicht mehr.
Ich muss keinen besseren Small Talk lernen.
Ich darf meiner Wahrnehmung vertrauen.
Denn mein Körper wusste längst, was mein Kopf erst viel später verstanden hat.
Es sind nicht die seichten Gespräche, die mich erschöpfen.
Es sind die Gespräche, in denen niemand wirklich anwesend ist.
Vielleicht geht es Dir ähnlich.
Vielleicht brauchst Du auch gar keinen besseren Small Talk.
Vielleicht sehnst Du Dich – genau wie ich – einfach nach echten Begegnungen.
Nach einem Menschen, der nicht nur antwortet.
Sondern wirklich da ist.
Ich glaube, genau dort beginnt etwas, das wir in unserer lauten Welt manchmal fast vergessen haben:
Nicht das perfekte Gespräch.
Sondern die echte Begegnung.
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